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Ergebnisse einer Studienreise

Zu Besuch im Garten Schweden

Die Köpfe der Schweizer Männerbewegung haben das Gleichstellungsparadies Schweden unter die Lupe genommen. Ihre überraschende Erkenntnis: Nicht die Geschlechterpolitik Schwedens ist ein Vorbild für die Schweiz. Aber die Familienpolitik.

Markus Theunert 29.04.2016

von Ivo Knill und Markus Theunert

Oh, wie oft haben wir es gehört: Schweden, die haben echte Gleichstellung, ein Modell, ein Vorbild – auch und gerade für die Schweiz. Irgendwann reifte der Entschluss, vor Ort die Probe aufs Exempel zu wagen. An diesem kühlen Sommertag treffen sich nun führende Köpfe der Schweizer Männerbewegung am Flughafen Zürich-Kloten: Ivo Knill (50), Chefredaktor der Schweizer Männerzeitung, Andreas Borter (63), Leiter des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen, Markus Theunert (41), männer.ch-Präsident und ehemaliger Männerbeauftragter, Männerarbeits-Pionier Christoph Walser (52) und Martin Schoch, Berater beim Männerbüro beider Basel, begleitet von Männerzeitungsredaktor Adrian Soller (32) und Fotograf Luca Bricciotti (40). Wir werden eine Woche lang mit Fachleuten und den Menschen auf der Strasse sprechen, in schwedischen Wohnzimmern Kaffee trinken und auch in Amtsstuben stets der einen Frage nachgehen: Ist Schweden in Geschlechterfragen ein Modell für die Schweiz?

Zuhause bei Eric und Suna

Schweden ist eine Gesellschaft, die für ihre Mitglieder sorgt. Wer mit dem grossen Strom schwimmt, hat es gut. Eine Familie gründen, Kinder bekommen: Das ist in Schweden kein Problem, der Staat hilft grosszügig, vielleicht sogar zu grosszügig, wie unsere Gastgeber am Freitagabend sagen. Der Freitagabend ist eine heilige Zeit in Schweden. Er heisst «Fredagsmys», auf Deutsch «Freitagsgemütlichkeit». Die Arbeitswoche ist vorbei, man kommt nach Hause und geniesst den Feierabend mit der Familie. Eric und Suna haben uns spontan empfangen, in einer modernen 4-Zimmerwohnung mitten in einem Neubauquartier an der Hammarby Sjö, in Sichtweite zum Jachthafen. Eric (32) ist Wirtschaftsberater, Suna (32) arbeitet für eine Versicherung. Dass beide voll erwerbstätig sind, ist hier selbstverständlich. Suna freut sich, wieder zurück im Job mit seinen Herausforderungen zu sein zurück zu haben, nachdem ihr einjähriger Elternurlaub vorbei ist. Eric steckt seit kurzer Zeit in seinem Vaterschaftsurlaub. Er könnte ein halbes Jahr beziehen; staatlich finanziert wird ein Lohnausfall von 80 Prozent. Er bleibt der Firma aber«nur» zweieinhalb Monate fern. Doch als ob er sein Leben lang nichts Anderes getan hätte, sitzt er jetzt neben der Kleinen und füttert sie. Die Grössere geht zu ihm, wenn ihr langweilig ist und setzt sich neben die kleine Schwester auf seinen Schoss. Die Mutter beobachtet das Treiben ganz entspannt.

In der Schweiz wäre das Leben von Eric und Suna anders. Sie würden uns von hohen Krippenkosten und langen Arbeitswegen erzählen, vom stressigen Balanceakt, allen Ansprüchen in Familie und Beruf zu genügen. Eric würde am Grill hantieren, wenn er als Manager denn überhaupt schon am späten Nachmittag aus dem Büro heim gekommen wäre. Hier steht Suna am Grill, wir trinken Prosecco, Eric erzählt von den Kindern, fragt uns nach dem Grund unserer Reise und wundert sich über unsere Erzählungen von Vereinbarkeitsstress und Ernährerlast, von Müttern auch, die Mühe haben, trotz Kindern im Job zu bleiben. Das ist doch inneffizient, sagt er: Frauen ausbilden und ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, ihr Können anzuwenden. Männlicher Ernährerstress und Rollendruck? Eric kann, aber er muss nicht mehr leisten als seine Frau. Dass sie arbeitet, sagt er, entlastet ihn, weil ihr Einkommen noch da ist, wenn er seines verlieren würde. Ob viele seiner Kollegen unter einem Burnout leiden? Nein, sagt Eric, er kenne niemanden. Eric teilt mit seiner Frau die entschiedene Zuwendung zum Familienleben. Zuhause sein am Wochenende, Zeit mit den Kindern verbringen: Da ist wenig Konfliktpotential angelegt, auch kein Kampf darum, wer Karrriere machen darf oder daheim bleiben muss. Beide teilen einen Lebensentwurf, der im Einklang mit der gesellschaftlichen Vorstellung von Familie ist und der nicht nur gefordert, sondern handfest gefördert wird.

Der Staat formt die ideale Gesellschaft

Die nordische Behaglichkeit früherer Astrid Lindgren-Geschichten wird in uns wach. Die Szenerie bei Eric und Suna wirkt wie eine zeitgemässe Form von «Ferien auf Saltkrokan». Alles perfekt. Und doch mischt sich Skepsis in die Behaglichkeit. Schweden gehen beispielsweise nicht bei Rot nicht über die Strasse. Niemand. Auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist. Touristen, die sich nicht an die Regel halten, ernten böse Blicke. Für die Orientierung an der Norm und am Mittelmass hat die schwedische Sprache ein eigenes Wort hervorgebracht, dessen Bedeutung wir im Deutschen nur umschreiben können: Lagom, das Streben nach Dezenz und Ausgleich. Wer das Prinzip Lagom nicht bereits mit der Muttermilch aufgesogen hat – die Zugezogenen, die Migranten – tut sich damit schwer.

Der schwedische Umgang mit Prostitution illustriert die Dynamik. 1999 hat das Land ein Gesetz erlassen, das Freier kriminalisiert. Nicht aus moralisch-religiösen Überlegungen. Sondern zum Schutz der Frauen. «Für uns ist Prostitution nicht eine Form von Sex, sondern eine Form von Gewalt», erklärt uns Klas Hyllander (47) freundlich, aber bestimmt. Er hat die regierungsnahe NGO «Män för Jämställdhet» («Männer für Gleichstellung») aufgebaut, die vor allem im Bereich der Gewaltprävention aktiv ist. In allen Gesprächen mit Menschen aus der Mitte der Gesellschaft bekommen wir die Gleichung Prostitution=Gewalt zu hören. Erst am Rand der Gesellschaft finden wir andere Sichtweisen. «Alles Propaganda», raunt uns etwa der chilenische Sexshopkunde zu. Für das offizielle Schweden aber ist klar: Freier sind nicht Sünder. Sondern Gewalttäter, Kriminelle. Raum für Schattierungen bleibt dabei keiner. Auch dass eine Frau selbstbewusst und selbstbestimmt sexuelle Dienstleistungen anbieten könnte, ist nicht denkbar. «Das sind Frauen, die von der Gesellschaft im Stich gelassen worden sind, die keine andere Möglichkeit haben, ihr Geld zu verdienen. Wer das ausnutzt, ist Dreck», sagt die Gothic-Lady mit dem Kunstnamen Adora BatBrat (41) im Urban Café gleich neben dem Kulturhuset im Zentrum Stockholms. Sie stellt klar: «Freier sein: Das geht gar nicht. Das ist kein normales Verhalten. Wenn man von jemandem weiss, dass er zu Prostituierten geht, ist der sozial erledigt. Echt, der kann sich aufhängen. Sozialer Ausschluss, sofort. »

Der Regierungsbericht schreibt klipp und klar: «Die Unterscheidung zwischen
freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution ist irrelevant.» Denn Prostitution ist stets
eine Veräusserung des eigenen Körpers und damit Gewalt an sich selbst. 

Vor Ort zeigt sich: Natürlich gibt es weiterhin Prostitution – leicht zugänglich über entsprechende Webseiten, die auf ein reiches Angebot von Escort- und anderen Services hinweisen. Das ändert aber nichts an der offiziellen Wahrnehmung: Für die Mitte der schwedischen Gesellschaft hat Prostitution – für Frauen und Männer gleichermassen – keinerlei Charme und mit Sex nichts zu tun. Während wir in der Schweiz zentral die Frage stellen, wie Freiwilligkeit und Schutz der Sexarbeiterinnen zu gewährleisten sind, schreibt der Regierungsbericht klipp und klar: «Aus Gender Equality- und Menschensrechtsperspektive ist die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution irrelevant.» Denn Prostitution ist in dieser Optik stets eine Veräusserung des eigenen Körpers und damit Gewalt an sich selbst. Der Freier, der diese Notlage ausnützt, ist dann eben kein Sünder im moralisch-religiösen, sondern ein Krimineller im strafrechtlichen Sinn. Entsprechend entschieden wird bereits der Begriff der «Sexarbeit» abgelehnt. Sexarbeit kann es definitionsgemäss nicht geben, weil bezahlter Sex nicht Sex, sondern Gewalt ist. Die sich prostituierende Frau ist damit bereits genug bestraft. Gesellschaftlich bleibt nur noch der Freier als Subjekt der Bestrafung übrig.

Trotzdem: Die Schweden können – obwohl sich die Arbeitsbedingungen für die Sexworkerinnen verschlechtert haben und die Regierung nicht belegen kann, ob das Verbot die Nachfrage wirklich bremst – mit Fug und Recht behaupten, das Verbot wirke. Denn in einem lagom-gläubigen Land wie Schweden wirkt die normative Kraft des Faktischen: Weil es (rechtlich) verboten ist, muss es (moralisch) verwerflich sein. Der Zirkelschluss ist zwar logisch nicht haltbar, gesellschaftlich aber ein starker Kitt. Genau weil aber die Wirksamkeit des Verbots ganz eng an das schwedische Verständnis von Konformität und Gemeinsinn gebunden ist, kann ihr Verbotsmodell nicht beliebig exportiert werden.

Wirtschaftsfaktor Frau

Schweden hat schon in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Entscheidung getroffen, welche die Schweiz faktisch am 9. Februar 2014 nachgeholt hat: Dass nicht Immigration den Arbeits- und Fachkräftemangel beheben soll, sondern eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen – und es deshalb einer massiven staatlichen Förderung alltagsnahen väterlichen Engagements und einer gut ausgebauten familienexternen Kinderbetreuung bedarf. 

Schwedische Eltern können für insgesamt 480 Tage Elterngeld beziehen, wovon 420 frei aufteilbar sind. 60 Tage verfallen, wenn die Väter sie nicht beziehen. 390 Tage lang erhalten die Eltern 80 Prozent des bisherigen Bruttolohns. Für die übrigen 90 Tage wird, unabhängig vom Einkommen, eine Pauschale gewährt. Ausserdem besteht bis zum achten Lebensjahr des Kindes ein Recht auf Teilzeitarbeit. 80 Prozent der schwedischen Väter nutzen die Anreize und nehmen zumindest die minimalen 2 Monate Väterzeit.

Ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes haben Familien Anspruch auf öffentliche Kinderbetreuung – allerdings nur, sofern beide Eltern arbeitstätig sind. Kinder von Eltern in traditionellen Familienarragements dürfen nur 15 Stunden in die Kita. Die familienexterne Betreuung ist massiv subventioniert. 2002 wurde gesetzlich ein Höchstbetrag festgelegt, den Eltern für ihre Kinder zwischen 2 und 5 Jahren bezahlen müssen: Für das erste Kind zahlen sie 3 Prozent des Einkommens, maximal rund 200 Franken im Monat. Für das zweite Kind werden 2 Prozent, maximal 150 Franken, für das dritte Kind noch 1 Prozent, maximal knapp 100 Franken, fällig. Das vierte und jedes weitere Kind zahlen keine Beiträge mehr.
Die Vorschule, welche Kinder mit fünf Jahren besuchen dürfen, ist für alle Kinder kostenlos. Die Betreuung der Kinder hört nach dem Kindergarten auch nicht auf. Kindern von 6 bis 12 Jahren wird eine Betreuung vor und nach der Schule und über Mittag garantiert. Diese spielt sich entweder in Familienzentren, Freizeitzentren oder direkt bei Angeboten der jeweiligen Schule ab. Eine weitere familienpolitische Leistung ist das Kindergeld für jedes Kind bis zum vollendeten 16. Lebensjahr. Mehrkindfamilien (mit mehr als drei Kindern) erhalten eine zusätzliche Unterstützung.

Der Ausbau der familienexternen Betreuung und das In-die-Pflicht-nehmen der Väter kostet nicht nur (die Staatsquote in Schweden beträgt 49 Prozent, in der Schweiz gut 30 Prozent). Sie zeigt vor allem auch Wirkung: Der Anteil erwerbstätiger Frauen zwischen 20 und 64 Jahren liegt mit 76 Prozent deutlich über dem europäischen Schnitt und ist beinahe gleich hoch wie jener der Männer (81 Prozent). Frauen besetzen beispielsweise auch annähernd die Hälfte der Sitze (45 Prozent) in Parlament und Regierung.

Staatlich durchgesetzte Geschlechterdurchmischung

Wir erfahren eindrücklich: Schweden macht ernst mit der «Gender Equality», dem Vorsatz also, geschlechtergerechte Rahmenbedingungen anzubieten. Erst mit der Zeit begreifen wir, dass es darunter keineswegs dasselbe versteht wie wir im deutschen Sprachraum.

«Equality» hat im Deutschen vier Bedeutungen: Gleichwertigkeit (Akzeptanz von Andersartigem), Gleichberechtigung (rechtliche Gleichstellung von Andersartigem), Gleichstellung (gelebte Gleichstellung zwischen Andersartigen) und Gleichheit (Aufhebung des Andersartigen). Wird es bei den ersten drei Verständnissen darum gehen, sicher zu stellen, dass verschiedene Menschen die gleichen Rechte und Chancen besitzen, wird in letzterem Verständnis das Ziel sein, die Verschiedenheit von Männern und Frauen, Männlichkeiten und Weiblichkeiten an sich zu nivellieren. Wir gewinnen den Eindruck, Schweden arbeite an dieser Nivellierung: Mann-Sein und Frau-Sein wird auf den biologischen Kern reduziert und gleichzeitig von möglichst allen sozialen Prägungen «befreit». Das kann so weit gehen wie im Kindergarten Egalia im Stockholmer Bezirk Södermalm. Dort gibt es keine Geschlechtsbezeichnungen mehr. Die Betreuerinnen und Betreuer meiden die Worte «Buben» und «Mädchen» konsequent. Die Pronomen «er» und «sie» gibt es in Egalia nicht. Stattdessen wird der im Schwedischen mögliche, geschlechtsneutrale Kunstbegriff hen benutzt, ein Kompromiss aus han (er) und hon (sie). Und natürlich ist Egalia LGBT-zertifiziert. 

Es gibt beispielsweise auch keine Schwulen-Bars in Stockholm. Weil es verboten ist, öffentliche Räume schaffen, in die nur Männer oder nur Frauen eingelassen werden. Das Umgekehrte gilt auch: Frauendiscos, Mädcheninternate und Ähnliches existieren nicht. Sogar geschlechter-getrennte Toiletten in Restaurants sind selten geworden. Ausnahme sind Frauenhäuser unter polizeilicher Regie, erklärt uns Peter Tai Christensen, «Enhetschef Diskrimineringsombudsmannen». Der Herr «Ombudsman» ist übrigens Chef eines Teams, in dem auch die Frauen «Ombudsmannen» heissen und legt Wert darauf, dass dies ein geschlechtsneutraler Begriff ist. 

Geschlechterkampf überwunden?

Martin Lerjen, seit zwei Jahren in Schweden ansässiger Schweizer, sagt: «In Schweden ist der Geschlechterkampf vorbei». Das ist glaubwürdig. Unklar bleibt, ob es ein echter oder ein fauler Frieden ist. Haben die Schweden den Konflikt wirklich ausgetragen? Oder neutralisieren sie bloss das Konfliktpotenzial weg, indem sie behaupten: Weil Frauen und Männer gleich sind, haben sie auch die gleichen Vorstellungen einer geschlechtergerechten Gesellschaft – und somit gar nichts mehr auszuhandeln?

Wer sich in diesem Kontext männerpolitisch äussert, muss nicht männerrechtlerisch argumentieren, um sich unmöglich zu machen. Es reicht, überhaupt die Existenz und Notwendigkeit eigenständiger männlicher Perspektiven zu behaupten.

Das Gespräch mit dem Genderforscher und Pionier Lars Jalmert unterstreicht, was wir auch am dritten Tag unserer Schweden-Reise nur schwer glauben können. Wir treffen ihn im Café des Naturhistorischen Museums, einem grossen Backsteingebäude mit direktem Blick aufs Wasser. An der Kasse tippt ein schwarzer Mann mit Frauenfrisur und imposantem Ohrschmuck den Preis für ein paniertes Fischfilet ein.

Lars Jalmert gehörte in den 1970er-Jahren zu den Vorreitern, welche flächendeckend Kinderkrippen für alle Kleinkinder ab 18 Monaten einführten – und damit dafür sorgten, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Schweden heute eine selbstverständliche Sache ist. Mittlerweile ist Jalmert an die 70 und kandidiert für die Partei «Feministische Initiative». Er ist eins der Feindbilder der wenigen Antifeministen, die es in Schweden gibt. Mit ruhiger Stimme trägt er geduldig, geradezu nachsichtig, seine Glaubenssätze vor. Er ist sich sicher: In Zukunft braucht und gibt es keine Vaterschaft und Mutterschaft mehr, sondern nur noch Elternschaft, in der es keine Rolle spielt, ob väterliche oder mütterliche Bezugspersonen das Kind betreuen. Väterliche Qualitäten, männliche Werte? Jalmert versteht uns nicht. Seine Bezugsgrösse ist der Mensch. Alles andere ist Gender, also Ideologie, die es zu überwinden gilt. Klas Hyllander formuliert klar und bündig: «Die Betonung von Geschlechtergrenzen wird bei uns als altmodisch angesehen.»

In dieser gesellschaftlichen Grosswetterlage stellt sich die Frage gar nicht mehr, wie es «den» Männern geht (zumindest nicht um der Männer willen). Die Durchschnittsmänner, die wir im Alltag erleben, bleiben merkwürdig unkonturiert. «Gäbst du ihnen Kraft, gäbst du ihnen Gender – und das darf eben nicht sein», sagt unser Gender Studies-Spezialist Martin Schoch. «In Schweden ist Ritalin im Wasser», lacht hingegen Martin Lerjen.

Zwischen Faszination und Widerstand

Die Begegnung mit Nevin (29) gibt uns einen Eindruck, was unter der schönen Oberfläche schwelen dürfte. Seine Eltern sind Türken, er ist in Schweden geboren worden. Trotzdem spricht er über «die Schweden» in einer Abgrenzung, welche deutlich macht: Ich bin keiner von denen. Nevin, Restaurant-Besitzer mit Dreitage-Bart und wachen Augen, sagt: «Frauen haben die Macht in Schweden. Sie nehmen sich, was sie brauchen, auch sexuell. Viele Männer sind frustriert. Sie wachsen im Paradies auf, sind unschuldig und naiv, haben verlernt, den Frauen die Stirn zu bieten. Sie werden durch Wohlfahrt und Alkohol ruhig gestellt.» Matrose Alexander (25) haut in die gleiche Kerbe: «In Schweden ist alles so perfekt, nett, familiär. Wer Reibung braucht, um sich zu entwickeln, der geht verloren».

So pendeln wir zwischen Faszination und Widerstand. Wir sind fasziniert von der Entspanntheit der Menschen, vom sanften Miteinander und der allgegenwärtigen Freundlichkeit. Wir merken, wie befreiend es ist, dass wir in der Öffentlichkeit nicht mit sexuellen Reizen überschüttet werden – weder am Kiosk noch im Sexshop-Schaufenster. Auch die Werbung ist zurückhaltender in der Inszenierung von Weiblichkeit und Männlichkeit, die Models sehen in unseren Augen fast schon übergewichtig aus. Wir spüren Sehnsucht nach der Anerkennung, welche der schwedische Staat den Eltern ideell und finanziell entgegen bringt. Wir freuen uns über das Selbstbewusstsein der schwedischen Frauen, die selbstverständliche Lässigkeit, mit der sie sich im öffentlichen Raum bewegen.

Gleichzeitig fragen wir uns: Würde das System Schweden auch ohne prall gefüllte sozialstaatliche Giesskanne funktionieren? Ohne die gesellschaftliche Bereitschaft, staatliche Vorgaben zu verinnerlichen?  Wieviel soziale Gerechtigkeit garantiert Geschlechtergerechtigkeit? Ist Gleichheit wirklich der zivilisatorische Fortschritt, wie unsere schwedischen Gesprächspartner zu betonen nicht müde werden? Was fehlt, wenn wir die Annahme überwinden, es sei schön, wenn es «Männer» und «Frauen» gibt? Gleichzeitig konfrontiert uns das schwedische System auch mit unseren eigenen Denkkategorien: Sehen wir einfach nicht, dass Schweden die humanistische Gesellschaft realisiert, von der wir noch träumen? Sind wir von unserer patriarchalen Sozialisation so sehr infiltriert, um überhaupt noch in der Lage zu sein, Gleichheit denken zu können? 

Familienpolitisch ein Vorbild

Gegen Ende der Reise verdichtet sich die Gewissheit: Die schwedische Geschlechterpolitik überzeugt uns nicht wirklich. Da sind zu viele Setzungen, Annahmen und Ideologien. Da bleiben zu viele Probleme ungelöst – beispielsweise der hohe Anteil häuslicher Gewalt oder die nach wie vor bestehende Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen. Für Menschen, die nicht so lange und so gründlich in das schwedische Wir-Gefühl hineingewachsen sind und hineingefördert wurden, geht der Reiz der Differenz in diesem System vordefinierter Harmonie unter. Das ist nicht nur Freitagsgemütlichkeit, sondern ein ewiger Sonntagnachmittag aus der Kindheit, der ganz lange schön und ganz schnell entsetzlich langweilig ist, weil nichts passiert.

Aber darum geht es nicht. Das Schwedische Modell baut im Kern nicht auf Geschlechterpolitik, sondern auf einer Familienpolitik, welche den Geschlechtern überhaupt erst die Chance gibt, Egalität zu leben, einen entspannten Umgang miteinander zu pflegen. Im Vergleich zu Schweden sind wir wie ein Land, das keine AHV und keine Arbeitslosenversicherung kennt: Zwischen Alt und Jung würde dauernder Zank herrschen, ob die Alten nun genug auf die Seite legen, ob es an den Jungen ist, Geld aufzubringen, damit sich die Alten Ferien leisten können. Aber zum Glück haben wir einen Generationenvertrag zwischen Alt und Jung und dieser Streit ist vorbei. Ähnlich dürfte es uns ergehen, wenn wir eine grosszügig ausgelegte und mutige Familienpolitik aufbauten. Grosszügig und mutig, so wie unsere Vorfahren die Alpen erschlossen oder den Gotthardtunnel gebaut haben, nicht die Begrenzungen des Heute vor Augen, sondern die Möglichkeiten von Morgen.

Keine Schwedin macht sich ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Kinder in die Krippe bringt, kein Schwede hat zu befürchten, dass er Karrierechancen einbüsst, wenn er Elternzeit nimmt. In Schweden sollen Männer und Frauen arbeiten. Sie müssen es aus ökonomischen Gründen auch. Aber: Es wird ihnen vom Staat auch tatsächlich ermöglicht. Und eine gehässige Debatte über teilzeitfaule Männer, Latte Macchiato-trinkende Mütter mit Uniabschluss, Karrieremänner, die für ihre Kinder nicht da sind – die gibt es hier in Schweden nicht.

In Schweden kann man sehen, was passiert, wenn Familienpolitik bedürfnisorientiert gestaltet statt problemorientiert zusammengebastelt wird. Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Elternzeit, Krippen, Tagesschulen und familienfreundliche Arbeitsbestimmungen machen es möglich. Trennung und Scheidung? Auch in Schweden ist die Scheidungsrate hoch, aber in der Regel einigen sich die Eltern auf das Wechselmodell: Die Kinder sind eine Woche beim Vater, eine bei der Mutter. Da beide Eltern sowieso arbeiten, gibt es keine gröberen Asymmetrien in der Frage des finanziellen Unterhaltes und die Krippen sind so flexibel, dass die Kinder sogar zwischen zwei Krippen wechseln können. Vereinbarkeitsstress am Arbeitsplatz? Arbeitgeber müssen Rücksicht auf die familiären Verpflichtungen ihrer Mitarbeiter nehmen. Finanzkollaps der mittelständischen Familien? Die Steuern liegen bei 30 Prozent, aber dazu kommen weder jährlich steigende Krankenkassen noch horrende Kosten für die Krippe. Und die Eltern werden einzeln besteuert, was verhindert, dass Zweiteinkommen steuerlich weggefressen wie bei uns.

Nein, es ist nicht abstraktes Genderdenken, welches das schwedische Familienmodell ausmacht, sondern der klare Wille, mit einer Reihe von grösseren und kleineren Massahmen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich zu machen. Dieses Modell kostet. Es ist ein Grossprojekt wie die Bahn2000 oder die NEAT, eine Investition in die Zukunft, eine Investition in die Gesundheit, in den sozialen Zusammenhalt, in den demografischen Wandel. Das Schwedische Familienmodell macht Schluss mit der absurden Talentverschleuderung des Schweizer Systems, das Uniabschlüsse der Frauen fördert, um die gut ausgebildeten Frauen durch negative Erwerbsanreize faktisch ins mehr oder weniger süsse Sein in Heim und Herd zu treiben.

So fahren wir einer überraschenden Gewissheit zum Flughafen Arlanda: Wir haben kein geschlechter- und gesellschaftspolitisches Musterland besucht. Aber ein echtes familienpolitisches Modell für die Schweiz kennengelernt.  

Dieses Interview ist erstmals in der Männerzeitung 3/2014 erschienen. 
Foto: Luca Bricciotti, Superlunes

 

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