Sie sind hier

Kommentar

«Vaterschaft ist kein Hobby»

Der Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch lanciert gemeinsam mit alliance F, Pro Familia Schweiz und Travail.Suisse eine Eidgenössische Volksinitiative für 20 Tage Vaterschaftsurlaub. männer.ch-Generalsekretär und MenCare-Programmleiter Markus Theunert nimmt ungeschminkt Stellung. 

Markus Theunert 06.05.2016

«Herr Theunert, Sie setzen sich dafür ein, dass Väter das Recht auf einen Vaterschaftsurlaub haben. Aber die Frage ist doch: Wollen das die Väter überhaupt?»

Varianten dieser Frage höre ich immer, wenn ich mit einem/r Medienschaffenden über unseren Plan für eine Eidgenössische Volksinitiative spreche. Im Mai wollen wir gemeinsam mit TravailSuisse und weiteren Dachorganisationen mit der Unterschriftensammlung beginnen. (Bescheidene) 20 Tage Väterzeit für alle, heisst die Forderung. Kostenpunkt: maximal 400 Millionen Franken, also ca. 17% der Kosten der CVP-Heiratsstrafen-Initiative.

Anfangs habe ich in dieser Situation argumentiert. Die St. Galler Studie zitiert, die in der ersten repräsentativen Befragung der Schweiz auf eindrückliche 90 Prozent von Männern mit Teilzeitarbeitswunsch kam. Über die Sehnsucht von Vätern nach dem alltagsnahen Kontakt zu ihren Kindern gesprochen. Die Trauer alter Männer erwähnt, die dank ihren Elternkindern jetzt merken, was sie bei ihren eigenen Kindern alles verpasst haben.

Wenn ein Betrieb nicht 20 Tage auf einen Mitarbeiter verzichten kann, dann ist nicht der Vaterschaftsurlaub sein eigentliches Problem.

Aber mittlerweile ist mir das zu blöd geworden. Denn es braucht gar kein Argument: Ein gesetzlich verankerter Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen wäre selbst dann mehr als überfällig, wenn kein einziger Vater «Lust» darauf haben sollte. Denn liebe Männer und Väter: Die Frage, ob wir Lust auf oder Talent für Betreuungsarbeit haben, ist schlicht nicht relevant. Vaterschaft ist kein Hobby, und ein Kind kein iPhone, das man einfach offline schalten kann, wenn’s nervt. Der Vaterschaftsurlaub ist kein Luxus und auch kein Geschenk, das man annehmen oder ablehnen kann. Wir schreiben das Jahr 2016, und wir stehen in der verdammten Pflicht, das zu vollenden, was unsere Urgrossmütter begonnen und unsere Urgrossväter, Grossväter und Väter mehrheitlich verbockt haben: gerechte Geschlechterverhältnisse herzustellen. Und das kann nur eines heissen: Dass bezahlte und unbezahlte Arbeit fair – also hälftig – zwischen den Geschlechtern verteilt werden.

Die gute Nachricht: Wer einen Vaterschaftsurlaubs unterstützt, steht nicht nur auf der Seite von Respekt und Ethik, sondern auch auf jener der Forschung und der guten Argumente. Die zeigen klar: Väterliches Engagement wirkt sich positiv auf die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung von Babies und Kindern aus, stärkt die familiären Beziehungen, fördert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Mütter, der Betriebe und der Volkswirtschaft als Ganzes – und hält erst noch die Väter selbst gesund. Auch die UNO-Kinderrechtskonvention schützt das Recht der Kinder auf alltagsnahen Kontakt zu Mutter und Vater. In der Schweizer Familienrealität bleibt es – zumindest werktags – in 90 Prozent aller Familien beim Wunsch. 

Alles schön und gut, meinen Sie, aber für die Arbeitgeber wäre der organisatorische Aufwand verheerend, wenn jetzt auch noch die Väter rund um die Geburt ausfallen? Mit Verlaub, das ist eine Ausrede. Es gibt keinen Mitarbeiter, auf die ein Betrieb nicht 20 Tage lang verzichten kann, wenn er es ein halbes Jahr im Voraus weiss. Und wenn doch, dann ist bestimmt nicht der Vaterschaftsurlaub sein eigentliches Problem.

Markus Theunert (43) ist Generalsekretär des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen (www.maenner.ch) und Leiter des nationalen Programms MenCare Schweiz. 

Share buttons

Weitere Beiträge

Abendveranstaltung

Männer in der Angehörigenpflege

Am 3. Mai 2017 findet im Rahmen des nationalen Programms MenCare Schweiz eine Abendveranstaltung zum Thema «Männer in der Angehörigenpflege – Welche Aufgaben nehmen sie wahr? Was brauchen sie? Welche Rechte haben sie?» statt. Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen Careum Weiterbildung und Careum Forschung, Forschungsinstitut Kalaidos Fachhochschule Departement Gesundheit, und männer.ch. 

Weiterlesen
Markus Theunert13. Dezember 2016

Expertinnen empfehlen

Ich bin... ein Narzisst

Zwischen Grössenfantasien und der Angst vor der eigenen Mickrigkeit: Die Psychologin Barbara Heiniger Haldimann erklärt, wie sie bei der Behandlung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vorgeht. 

Weiterlesen
Markus Theunert24. Juni 2016

Interview

Mehr Männer in Kitas?!

In Zürich soll eine «Männerquote» gewährleisten, dass ein Drittel der Kita-Mitarbeitenden Fachmänner sind. Die Realität sieht anders aus: Schweizweit beträgt der Männeranteil nur gerade 5%. Lu Decurtins ist Leiter eines Projekts, das Gegensteuer geben will, u.a. mit einer ersten grossen Fachtagung zum Thema am 30. November 2016. Er erklärt, warum es denn überhaupt mehr Männer braucht – und wo die Hürden liegen. 

Weiterlesen
Markus Theunert24. Juni 2016

Am 28. Juni 2016 in Bern zu Gast

Verwöhnen heisst nicht Überhäufen

Reinhard Winter ist einer der bekanntesten Männerforscher im deutschen Sprachraum. Am 28. Juni 2016 ist er in Bern zu Gast und spricht über das heikle Thema «Väterliche Autorität» (19.30 Uhr, Cafeteria im Generationenhaus Bern). 

Weiterlesen
Markus Theunert24. Juni 2016

Im Gespräch

Grossväter im Schatten

Andreas Borter ist Leiter des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen. Gemeinsam mit Michael Andres von Pro Senectute Bern lädt er am 21. Juni 2016 zum Grossväter-Abend ins Generationenhaus Bern (Beginn um 19.30 Uhr, Eintritt frei). 

Weiterlesen
Markus Theunert17. Juni 2016

Ist das diskriminierend?

Tanktop-Verbot gilt nur für Männer

Ein Fitness-Studio toleriert ärmellose Shirts – aber nur bei der weiblichen Kundschaft. Als sich Mitglied Thomas Müller darüber beschwert, wird er aus dem Club geschmissen. «Dabei habe ich gar nichts gegen die Regel an sich. Aber wenn sie nur für Männer gilt, fühle ich mich diskriminiert». Zu Recht?

Weiterlesen
Markus Theunert17. Juni 2016

Seiten