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Väterforschung

9 von 10 Männern wollen 2 Kinder

Diana Baumgarten ist die Forschungskoordinatorin des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen SIMG – und Autorin des ersten MenCare Schweiz-Reports, der am 30. Mai 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. 

Robert Lutz 27.05.2016

Diana Baumgarten, Sie sind als Wissenschafterin schon lange in der Väterforschung aktiv. Als Forschungskoordinatorin des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen haben Sie nun den ersten MenCare-Report erstellt. Was war für Sie persönlich die überraschendste Erkenntnis?

Erstaunt war ich über die sprunghafte Zunahme der verfügbaren Daten und Angaben über Väter in der Schweiz. Zwar haben wir uns diese aus den verschiedenen statistischen Erhebungen zusammensuchen müssen, aber die Datenlage hat sich insgesamt stark verändert. Als wir am Zentrum Gender Studies der Universität Basel vor knapp 10 Jahren unseren ersten Projektantrag zum Thema Väter schrieben, gab es beispielsweise für die Schweiz genau eine Publikation, in der wir Angaben zum Kinderwunsch von Schweizer Männern fanden. Das ist die gute Nachricht.

Und die Schlechte?

Ich habe mich schon darüber gewundert, wie schwer sich die Statistik nach wie vor mit der Erfassung «männlicher/väterlicher Variablen» tut. So wissen wir immer noch nicht, wie viele «biologische» Väter es in der Schweiz gibt. Gerechtfertigt wird dies zumeist damit, dass Männer keine verlässliche Auskunft über die von ihnen gezeugten Kinder geben können. Durch die Zunahme von Patchwork-Familien fände ich es auch spannend, mehr über «soziale» Väter, also Stief-, Adoptiv- und Pflegeväter, zu erfahren. Ich würde es sehr begrüssen, wenn es zukünftig besser gelänge, diese gelebte Vielfalt von Vaterschaft und Väterlichkeiten in den statistischen Erhebungen der Schweiz abzubilden.

Meine grösste Überraschung war: 9 von 10 Männern in der Schweiz möchten mindestens zwei Kinder. Ich selber gehöre als glücklicher Teil einer Ein-Kind-Familie zu einer winzigen Minderheit. Was verbinden Männer mit dieser Idee, mindestens zwei Kinder haben zu wollen?

Für mich drückt sich hierin die «Zwei-Kinder-Norm» aus, die in der Schweiz von Männern wie von Frauen gleich stark befürwortet wird. Diese Grösse wird derzeit in unserer Gesellschaft als Ideal gesehen. Ob das dann auch immer so umgesetzt wird, ist ja nochmals eine andere Frage. Meine Vermutung ist, dass dabei eher unbewusst eine Vorstellung von Balance zum Tragen kommt. Zwei Kinder gegenüber zwei Erwachsenen. Wenn Eltern für ihre ökonomische Versorgung nicht mehr so viele Kinder wie möglich haben müssen bzw. sie durch den Zugang zu Verhütungsmitteln die Geburtenanzahl regulieren können, spielen wohl eher solche Vorstellungen von Ausgewogenheit eine Rolle.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber sicher auch die «Machbarkeit». Mit zwei Kindern findet man noch bezahlbaren Wohnraum, kann Lebenserhaltungs- und Ausbildungskosten noch finanzieren, ohne dass sich der Lebensstandard ganz gravierend verändert und bekommt es noch einigermassen hin, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Hierin drückt sich für mich auch aus, wie die dominanten Systembedingungen auf generatives Verhalten rückwirken. Es ist nachweislich so: Wenn die sogenannten «Opportunitätskosten» – also das, was man sich alles nicht mehr leisten kann – für Elternschaft geringer wären, würden sich die Leute auch mehr Kinder wünschen.

Sie arbeiten ja viel auch international. Wie steht die Schweizer Väterforschung im Vergleich da? Sind wir – wie in der Familien- und Gleichstellungspolitik – auch in diesem Gebiet im Hintertreffen?

Auf diese Frage mit einem klaren Ja zu antworten wäre unfair gegenüber all denjenigen, die sich seit Jahren auf dem Gebiet engagieren. Aber ist schon so, dass Väterforschung in der Schweiz nicht gerade eine Trenddisziplin ist. Von einer Professur für Väterforschung, wie sie Renske Keizer an der University of Amsterdam innehat, oder einem «Institut für Vaterschaft», wie es das in Grossbritannien gibt, sind wir noch weit entfernt.

MenCare ist als nationales Programm auf 12 Jahre Laufzeit angelegt. Bleiben die Väter im Vordergrund oder was erwartet uns als Nächstes?

Solche Vorhersagen zu treffen ist ja immer etwas heikel. Zumal ich als Soziologin aus einer Wissenschaftsrichtung komme, die sich mit den schon existierenden gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigt und versucht ist, diese zu verstehen und zu ordnen. Aber vorsichtig vermutend würde ich sagen, dass mit der Zeit die Bedingungen für Elternschaft insgesamt im Vordergrund stehen werden bzw. weitere Aspekte von MenCare, wie die Pflege von Angehörigen, die Freiwilligenarbeit oder Männer in Care-Berufen. Denn nicht nur in unserer Forschung deutet sich eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft zwischen solchen Menschen mit und solchen ohneSorgeverantwortung für Kinder (oder andere Personen) an. Ich hoffe es gelingt uns, dies als gesellschaftspolitisch notwendiges Thema zu erkennen und zu bearbeiten.

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