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Ich bin... burnout-gefährdet

Ausstieg aus dem Hamsterrad: Burnout-Experte Christoph Walser macht in seiner täglichen Praxis die Erfahrung, dass gefährdete Männer ihre Eigenwelt zugunsten von Familie und Beruf vernachlässigen. Hier setzt er an. 

Markus Theunert 27.05.2016

Herr Walser, wenn ich mit dem Verdacht, burnout-gefährdet zu sein, zu Ihnen komme: Was habe ich in der Beratung zu erwarten?​

Zuerst schaue ich, wer diesen Verdacht hat: Beruht er auf einer Selbsteinschätzung? Haben nahestehende Personen im privaten Umfeld davon gesprochen? Hat ein Arzt oder Psychologe davor gewarnt? Denn: Burnout ist nach wie vor keine medizinische Diagnose und kann im Leben von Ratsuchenden auch sehr Verschiedenes bedeuten. Das Stichwort Burnout kann die Sicht auf den emotionalen und körperlichen Zustand eines Mannes auch eher vernebeln als erhellen.

Entscheidend sind die Gefühle, Gedanken und Körpersymptome eines Kunden. Zum Einstieg arbeite ich mit dem von uns langjährig in der Prävention erprobten Dreieckmodell der Lebenswelten (Arbeitswelt-Familienwelt-Eigenwelt). Diese Standortbestimmung führt zu einer klareren Übersicht über die konkreten Belastungsfaktoren im Alltag, aber auch über die Kraftquellen, die schon da sind.

Aufgrund davon erarbeitet der Kunde dann mit mir als Begleiter Massnahmen, mit denen er eine bessere Balance zwischen Geben und Nehmen, zwischen Kraftspendern und Kraftfressern ansteuern kann. Insbesondere die Eigenwelt spielt eine Schlüsselrolle: Wenn ein Mann auch ausserhalb von Arbeit und Familie Kraft tanken und seinen Selbstwert stärken kann, gelingt es ihm meist, aus der Burnout-Spirale auszubrechen.

Trifft eine Selbsteinschätzung in der Regel zu? Welches sind die häufigsten Muster, mit denen Sie konfrontiert sind?

Eine Selbsteinschätzung ist von einer Selbstdiagnose zu unterscheiden. Von Selbstdiagnosen ist abzuraten. Ich nehme eine Selbsteinschätzung immer ernst, denn etwas daran stimmt, sonst würde es einen Mann nicht derart beschäftigen, dass er Rat sucht.

Interessant ist, dass Männer – sie lassen sie sich ja in der Regel eher spät beraten – meist mit einer negativeren Selbsteinschätzung kommen als ich sie bestätigen kann. Meist sind noch Energien und auch Ideen für die Verbesserung der eigenen Situation da.

Unsere Verhaltensmuster bei Erschöpfung und Körpersymptomen sind massgeblich beeinflusst von unserem Selbstbild als Mann. Deshalb ist es für mich zentral, eine individuelle Lebenssituation mit den Themen Mannsein, Männerrolle und Männlichkeit in Verbindung zu bringen. Männer neigen dazu, Burnout als ihr persönliches Versagen oder als schicksalshafte Krankheit zu sehen. Beides führt nicht weiter. Es gilt, das komplexe Zusammenspiel von innerem und äusserem Druck, einseitig leistungsorientiertem Männerbild und alltäglichen Anforderungen besser zu verstehen und  gleichzeitig ein positives, eigenes Selbstbild als Mann zu stärken.

Wie gut sind meine Chancen auf Besserung?​

Burnout ist kein Schicksal, sondern ein seelisch-körperlicher Prozess mit anfänglicher Hyperaktivität, dann zunehmenden Erschöpfungssymptomen, negativen Gedanken und Selbstabwertungen, kombiniert mit mangelnder Erholung. 

Burnout ist aber keine Krankheit im engeren Sinn und auch kein persönliches Versagen. Man(n) kann aus der Abwärtsspirale aussteigen. Anfänglich mit konkreten Veränderungsschritten und Massnahmen in den Bereichen Entlastung und Erholung. Je länger der Prozess dauert, umso schwieriger wird es, dem inneren und äusseren Hamsterrad aus eigener Kraft zu entkommen. Da ist professionelle Hilfe empfohlen.

Die Chancen auf Besserung sind also umso besser, je früher der Burnout-Prozess als solcher erkannt wird. Besserung ist dann in Sicht, wenn es wieder vermehrt gelingt, sich zu erholen und sich ohne Druck und Bewertung leben zu lassen.

Christoph Walser ist Coach ZiS, Theologe MA, Dozent und Berater in Firmen, Verwaltungen und Fortbildungen und seit über 20 Jahren in der männerspezifischen Bildung und Beratung tätig. Mail: ch.walser@timeout-statt-burnout.ch

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