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Reportage

Exportschlager Prostitutionsverbot?

Schweden hat 1999 als erstes Land der Erde ein Gesetz erlassen, das Nutzer sexueller Dienstleistungen kriminalisiert. Die Regierung feiert ihr Erfolgsmodell. Der Augenschein vor Ort bestätigt jedoch eher die Kritik der schwedischen Fachleute und Betroffenenorganisationen. 

Markus Theunert 17.06.2016

von Markus Theunert

«Pony Love Girls» steht auf dem Einband der Videokassette, und es geht in diesem Film nicht um Kleinmädchen-, sondern um Altherren-Fantasien der eher schwer verdaubaren Art. Wir befinden uns in einem der wenigen Sexshops Stockholms. Man muss ihn kennen, um ihn zu finden. Nur ganz dezent informiert eine Schrift am Laden darüber, dass hier «Books Magazines Videos» erhältlich seien. Das Wort «Sex» fehlt vollständig. Auch einschlägige Bilder sucht man vergebens. Der ganze Laden sieht aus, als wären Produkte und Einrichtung gleichermassen in den frühen 1980er-Jahren stehen geblieben. Es ist eine traurige Ecke der Stadt.

Bevor Schweden 1999 den «Sex purchase act» in Kraft setzte, welche den Erwerb sexueller Dienstleistungen generell verbietet und die Käufer – nicht aber die Anbieter(innen) – bestraft, standen hier Abend für Abend über Dutzende Prostituierte. Bei unserem Streifzug sehen wir bloss noch ganz vereinzelt Frauen, die – nach kurzem nervösem Gespräch durchs Autofenster – in mittelständischen Kompaktwagen verschwinden. Sonst herrscht tote Hose am Strassenstrich, in der grauen Hochhausschlucht an der Malmskillnadsgatan gleich bei der U-Bahn-Station Hötorget.

Widersprüchliche Behauptungen

Unsere Mission: Wir wollen vor Ort Licht ins Dunkel bringen und die extrem widersprüchlichen Wahrnehmungen des schwedischen Prostitutionsverbots ausleuchten. Da wäre auf der einen Seite die offizielle Lesart der schwedischen Regierung. 2010 hat sie einen Evaluationsbericht veröffentlicht, in dem sie das Verbot als Erfolg feiert[1]: Die Strassenprostitution habe sich halbiert, eine Verlagerung weg von der Strasse hin zu Indoor-Angeboten sei nicht zu beobachten, der Menschenhandel sei substanziell zurück gegangen und die öffentliche Meinung stelle sich bei Zustimmungsraten von 70 Prozent heute klar auf die Seite des Verbots.

Da ist auf der anderen Seite die Kritik von Fachleuten und Betroffenenorganisationen. So zweifeln beispielsweise die beiden Forscherinnen Susanne Dodillet und Petra Östergren[2] den Regierungsbericht methodisch an und fragen: Wie kann eine Verringerung um die Hälte festgestellt werden, wenn überhaupt keine verlässlichen Zahlen vorliegen, wie die Situation vor dem Verbot ausgehen hat? Wie kann die Regierung mit solcher Gewissheit behaupten, eine Reduktion des Strassenstrichs habe nicht zu einer Verlagerung in Bars und Salons geführt, obwohl sie über keine Statistiken verfügt – und international durch die rasante Entwicklung des Internets genau solche Verlagerungen beobachtet werden? Die Betroffenenorganisation Rose Alliance wiederum klagt vor allem über die erschwerten Arbeitsbedingungen der betroffenen Sexworkerinnen und Sexworker, welche sich den Grau- und Schwarzmarkt abgedrängt sehen, in dem Prävention und Schutz viel schlechter zu gewährleisten seien als in einem offenen Markt.

«Sex Girl Stockholm» googeln reicht

Unser Augenschein vor Ort bestätigt die Widersprüche. Während sich nur mit Geduld und scharfem Auge Anzeichen für Strassenprostitution aufspüren lassen, wird beim Blick ins Internet sofort klar: Das Angebot ist riesig. «Sex Girl Stockholm» googeln reicht, um verschiedene einschlägige Seiten zu finden. Auf http://stockholm.backpage.com sind tagesaktuelle Inserate aufgeschaltet: Am Tag unseres Besuchs auf der Website, dem 14. Juli 2014, zählen wir allein 93 unmissverständliche Angebote.

Die Gespräche, die wir mit verschiedenen Fachleuten und Menschen auf der Strasse führen, stehen jedoch in erstaunlichem Kontrast zu dieser offensichtlichen Realität. Es scheint einen tiefen Graben zwischen der offiziellen und von der Regelgesellschaft unhinterfragten offiziellen Lesart zu geben und der nur unter der Hand geäusserten Kritik an dieser.

Wir lernen: Für die schwedische Regelgesellschaft hat Prostitution mit Sex nichts zu tun. Wirklich gar nichts. Prostitution ist Gewalt. Immer und in jedem Fall. Wenn wir in der Schweiz zentral die Frage stellen, wie Freiwilligkeit und Schutz der Sexarbeiterinnen zu gewährleisten sind, schreibt der Regierungsbericht klipp und klar: «Aus Gender Equality- und Menschensrechtsperspektive ist die Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Prostitution irrelevant.» Denn Prostitution ist in dieser Optik stets eine Veräusserung des eigenen Körpers und damit Gewalt an sich selbst. Der Freier, der diese Notlage ausnützt, ist dann kein Sünder im moralisch-religiösen, sondern ein Krimineller im strafrechtlichen Sinn. Entsprechend entschieden wird bereits der Begriff der «Sexarbeit» abgelehnt. Sexarbeit kann es definitionsgemäss gar nicht geben, weil bezahlter Sex kein Sex, sondern Gewalt ist.

In etlichen Gesprächen bestätigt sich diese Optik. Für die 30jährige Journalistin Sigrid xx ist die Gleichung «Prostitution=Gewalt» ebenso unzweifelhaft wahr wie für den 70jährigen Genderforscher Lars Jalmert oder den 47jährigen Finanzfachmann Karl, der lieber anonym bleiben möchte.

Wir fragen Klas Hyllander vom schwedischen männer.ch-Pendant «Men for Gender Equality», wo denn schwedische Männer schnellen Sex finden, wenn der Weg über die Prostitution zumindest offiziell versperrt ist. Er weigert sich, die Frage zu beantworten. Warum? Weil Prostitution nichts mit Sex und damit auch nicht mit dem Bedürfnis nach schnellem unverbindlichen Sex zu tun hat...

Wir lernen also eine konsequente Umdeutung der Sexarbeit kennen, welche wiederum dafür sorgt, dass schwedische Freier ganz unten auf der sozialen Leiter landen. Alle unserer Gesprächspartner sind sich einig: Freier zu sein könnte sich ein schwedischer Mann niemals zuzugeben leisten. Er wäre gesellschaftlich erledigt. Nur Kopfschütteln ernten wir, wenn wir beispielsweise erzählen, dass prominente Männer in Schweizer Illustrierten gern auch mal gefragt werden, ob sie schon ein Bordell von innen gesehen haben – und dies zumindest als Jugendsünde durchaus auch zugeben dürfen.

Kratzer am schönen Bild

Das Bild der nationalen Einigkeit bekommt jedoch Kratzer, wenn wir mit jenen Männern ins Gespräch kommen, welche nicht zu den Schönen und Erfolgreichen zählen. «Das ist doch keine Prävention. Das ist reine Propaganda», zischt etwa ein Kunde des oben erwähnten Sexshops, ein graumelierter chilenischer Einwanderer kurz vor der Pensionierung. «Swedish guys are pussies», schimpft ein 29-jähriger Secondo. Für ihn ist klar: In Schweden haben heute Frauen die Macht – und setzen das Prostitutionsverbot durch, um unliebsame Konkurrenz auszuschalten. Alles frustrierte Emanzipationsverlierer? Nicht nur.

Auch die Forscherinnen Susanne Dodillet und Petra Östergren fordern von der schwedischen Regierung «eine Prostitutionspolicy, welche auf Fakten basiert, nicht auf Moral oder radikalfeministischer Ideologie». Ann Jordan vom Programm Menschenhandel und Zwangsarbeit am schwedischen Zentrum für Menschenrechte kritisiert: «Der schwedische Ansatz ist weder praxis- noch realitätsorientiert, sondern ein Versuch, mittels Gesetz das Denken und Handeln der schwedischen Männer zu verändern». Angesichts der dürren Fakten, welche die Regierung präsentiere, sei es offensichtlich, dass dieser Versuch einer gross angelegten sozialen Umerziehungsmassnahme gescheitert sei: «Man kann Menschen nicht einmal in Schweden gesetzlich zwingen, sich in ihrem privaten, einvernehmlichen Sexleben so zu verhalten wie es die Gender Equality-Ideologie verlangt.»

Wir teilen nach unserem Besuch die Einschätzung, das schwedische Prostitutionsverbot sei nur ideologisch begründbar. Wir lernen jedoch eine Gesellschaft kennen, die im ganzen Feld der «Gender Equality» von der Vision einer idealen Gesellschaft ausgeht und an den Staat die Aufgabe delegiert, diese – auch gegen Widerstand – durchzusetzen. Das steht in Kontrast zu unserem Verständnis von Staat und Gesellschaft, bleibt aber demokratisch, weil der Staat «nur» den gesellschaftlichen Konsens vollstreckt.

Weniger überzeugt sind wir bezüglich der (Un-)Wirksamkeit des Prostitutionsverbots. So eingeschüchtert und rigide uns die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft ihrer Unterstützung des Verbots versichern, müssen wir doch annehmen: die normative Kraft des Faktischen wirkt. Weil es (rechtlich) verboten ist, muss es (moralisch) verwerflich sein, lautet die Losung. Das ist zwar ein Zirkelschluss. In einer staatsgläubigen Gesellschaft wie der schwedischen kann das aber ganz reale Folgen haben. Offen müssen wir lassen, ob die Folge tatsächlich eine geringere Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen – oder nur das umso eifrigere Verschleiern dieses Tuns ist.

Etwas Angst macht uns in diesem Zusammenhang jedoch der missionarische Eifer, mit welchem die schwedische Regierung ihr vermeintliches Erfolgsmodell zu exportieren versucht. Dank seiner Lobbying-Bemühungen hat der Europarat im April 2014 allen europäischen Ländern empfohlen, das schwedische Modell zu übernehmen. Auch die Schweiz ist im Europarat vertreten und wird sich wohl noch mit dieser Debatte konfrontieren müssen.

Schneller Sex: Fehlanzeige

Am Ende unserer Recherche wollen wir dann trotzdem noch die nicht ganz ernst gemeinte Probe aufs Exempel wagen und herausfinden, wie sich ein Mann in Schweden ohne Geld schnellen Sex organisiert. Das sei ganz einfach hier in Schweden, versichern uns die Prostitutionsverbots-Fans, da gehe man einfach auf eine Onlinedating-Plattform oder ins Nightlife.

Unser Feldversuch kann das nicht bestätigen: Unsere 25 Kontaktmails auf www.flirtcamp.se – systematisch variiert von supersüss bis deftigderb – bleiben allesamt unbeantwortet. Und der Versuch, in eine Schwedische Diskothek Einlass zu finden, scheitert nach 90minütiger Wartezeit bereits in der Schlange an unserer Geduld...

Redaktionelle Unterstützung: Christoph Walser

Literaturhinweis: Dodillet, Susanne & Östergren, Petra (2012). The Swedish Sex Purchase Act: Claimed Success and Documented Effects. Conference paper presented at the International Workshop: Decriminalizing Prostitution and Beyond: Practical Experiences and Challenges. The Hague, March 3 and 4, 2011

 

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