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Ist das diskriminierend?

Tanktop-Verbot gilt nur für Männer

Ein Fitness-Studio toleriert ärmellose Shirts – aber nur bei der weiblichen Kundschaft. Als sich Mitglied Thomas Müller darüber beschwert, wird er aus dem Club geschmissen. «Dabei habe ich gar nichts gegen die Regel an sich. Aber wenn sie nur für Männer gilt, fühle ich mich diskriminiert». Zu Recht?

Markus Theunert 17.06.2016

Thomas Müller* versteht die Welt nicht mehr. Da zeigt er Zivilcourage und macht Diskriminierung im Alltag zum Thema – und wird zum Dank rausgeschmissen. Aber alles der Reihe nach.

Igitt, Männerschweiss

Thomas Müller ist Mitglied im Fitnessstudio Body-Move in Aesch. Seit Jahren trainiert er da regelmässig, wie die meisten anderen Gäste im armfreien Tanktop. Das wird auch stillschweigend toleriert, solange zwischen Haut und Kraftmaschine ein Tuch als Schweisssperre dient.

Doch eines Tages hängt plötzlich ein Plakat im Studio: «KEINE TANKTOPS MEHR. NUR NOCH T-SHIRTS BEI MÄNNERN». Thomas Müller ist irritiert. «Dass eine Regel aufgestellt wird, kann ich schon verstehen – aber nicht, dass sie nur für eine Hälfte der Kundschaft gilt».

Müller bespricht sich mit Trainingskollegen und erkundigt sich, ob sie das Vorgehen des Studios auch als stossend empfinden. «Alle haben sich empört. Aber das Maul aufgemacht hat niemand.»

Nach einem dieser Gespräche wird er vom Studioleiter zur Rede gestellt. Seine Gespräche werden als unliebsame Aufwiegelung von Kunden wahrgenommen. Die Wogen gehen hoch. Und Thomas Müller wird knallhart sanktioniert: Er muss per sofort seinen Ausweis abgeben. Die Mitgliedschaftsgebühr erhält er zwar zurück erstattet. Trotzdem stimmt für ihn die Rechnung nicht.

Diskriminiert von einem anderen Mann

«Ich brauche keine Genugtuung», sagt Müller drei Monate nach dem Vorfall, «aber ich will eine Diskussion. Haut ist Haut und Schweiss ist Schweiss: Es gibt überhaupt keinen sachlichen Grund, warum die Kleidervorschrift für Männer gilt, aber für Frauen nicht. Und das ist doch genau die Definition einer Diskriminierung allein aufgrund des Geschlechts».

Tatsächlich sagt die Schweizer Bundesverfassung in Art. 8 Abs. 2 klar und deutlich: «Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen (...) des Geschlechts (...)». Im Detail ist die Frage aber knifflig, ob es sich im juristischen Sinn um eine Diskriminierung handelt, braucht es doch neben der willkürlichen Unterscheidung auch eine damit verbundene Herabwürdigung. Walter Kälin, Professor für öffentliches Recht, schreibt in einem Standardwerk: «Diskriminierung lässt sich umschreiben als eine qualifizierte Art von Ungleichbehandlung von Personen in vergleichbaren Situationen, welche eine Benachteiligung eines Menschen zum Ziel oder zur Folge hat, die als Herabwürdigung einzustufen ist, weil sie an einem Unterscheidungsmerkmal anknüpft, das einen wesentlichen und nicht oder nur schwer aufgebbaren Bestandteil der Identität der betreffenden Person ausmacht.»

Für Thomas Müller trifft das genau auf seinen Fall zu. «Ich fühle mich als Mann von einem anderen Mann diskriminiert und herabgewürdigt. Entweder ist die Regel hygienisch begründet. Dann muss sie für alle gelten. Oder sie ist Folge eines ästhetischen Urteils, weil Frauen in Tanktops von den Studiobossen als sexier empfunden werden als Männer in Tanktops. Das wäre zwar verständlich, aber trotzdem diskriminierend».

Fachleute zeigen Verständnis

Unterstützung erhält Müller von der Fachstelle TERRE DES FEMMES Schweiz, die sich regelmässig aus Frauensicht mit diskriminierenden Darstellungen – z.B. sexistischer Werbung – auseinandersetzt. «Grundsätzlich sind Regeln, die nur für einen Teil der Bevölkerung/Kundschaft gelten, per se zu verurteilen», sagt Geschäftsleiterin Natalie Trummer. «Je nach Begründung für eine Regel – geht es beispielsweise um Hygiene oder um Schutz vor Belästigung? – muss sie auch als diskriminierend eingestuft werden. Das könnte im vorliegenden Fall durchaus der Fall sein.» 

«Wenn eine Ungleichbehandlung an ein verpöntes Persönlichkeitsmerkmal anknüpft, kann dies eine verbotene Persönlichkeitsverletzung darstellen», sagt auch Juristin Christina Hausammann von der Menschenrechtsorganisation Humanrights.ch. «Diese muss aber eine gewisse Schwere annehmen. Gemäss Bundesgericht ist eine Persönlichkeitsverletzung dann anzunehmen, wenn in der Ungleichbehandlung eine Geringschätzung der Persönlichkeit des oder der Betroffenen zum Ausdruck kommt. Ob im konkreten Fall der Dresscode des Fitnessstudios von einem Gericht als genügend schwere Persönlichkeitsverletzung gesehen würde, welche die Vertragsfreiheit zurückdrängt, ist äusserst fraglich.»

Studiobesitzer schaltet Anwalt ein

Der Studiobesitzer selber sieht das Problem nicht. Ein Gespräch mit MenCare.swiss lehnt er ab. Stattdessen versucht er über seine Anwälte, die Publikation des vorliegenden Artikels zu verhindern. «Mehrere Kundinnen und Kunden des Fitnessstudios Body Move haben sich beim Inhaber des Studios mehrfach darüber beschwert, dass Männer Tanktops tragen, welche den Oberkörper der Männer aus hygienischen und ästhetischen Gründen nur noch ungenügend resp. kaum mehr bedecken und beispielsweise die Brustwarzen der Männer offenlegen. Dies ist und war bei der Oberkörperbekleidung von Frauen nicht feststellbar», schreibt der Anwalt​. «Das 'Tanktop-Verbot' für Männer wurde demnach aus rein objektiven, sachlich gerechtfertigten Gründen erlassen. Aus diesen Gründen gehen wir davon aus, dass Sie auf eine Publikation dieses Falles verzichten.» 

* Name von der Redaktion geändert

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