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Porträt eines Individualisten

Dosenbier statt Einheitsbrei

Er wohnt in einem Bürgerheim, ist Alkoholiker und IV­-Bezüger. Seine Lebensgeschichte pendelt zwischen grosser Abhängigkeit – und eigentümlicher Freiheit. Porträt eines Individualisten.

 
Markus Theunert 24.06.2016

Von Mark Schwyter

Ein Bürgerheim auf dem Land. Das ehemalige Armenhaus wird heute von der Gemeinde wie ein Hotel geführt. Es beherbergt zwei Dutzend Frauen und Männer zwischen zwanzig und achtzig Jahren. Alle wurden im Laufe ihres Lebens aus der Bahn geworfen und haben den Rank zurück in ein «normales» bürgerliches Leben nicht mehr gefunden. Das Bürgerheim bietet ihnen ein Dach über dem Kopf und mit drei Mahlzeiten am Tag eine minimale Struktur. Das Haus ist Tag und Nacht offen, die Bewohner können kommen und gehen, wann sie wollen. Auch sonst geniessen sie Freiheiten, die für ein Wohnheim nicht selbstverständlich sind. So gibt es etwa kein Alkoholverbot, weshalb etliche therapieresistente Alkoholiker hier eine Bleibe gefunden haben. Einer von ihnen ist Thomas Bucher*, 51, Komatrinker, IV- Bezüger, Heavy-Metal-Fan. Ein böser Junge also?

Blenden wir 35 Jahre zurück. Die Achtziger in Luzern. Die alternative Szene trifft sich im «Helvetia» oder in der nahen Eisengasse. Jugendliche aus den Dörfern, die genug haben von der ländlichen Enge, genug vom Kalten Krieg und der Umweltzerstörung. Sie treffen sich, um zu demonstrieren für eine bessere Welt. Sie fordern Freiräume für ihre Jugendkultur. Sie machen Party in Luzern oder Zürich oder festen die Nacht durch am Open-Air. Man kifft und säuft Bier, manchmal bis zum Umfallen. Am Montag geht es dann wieder in die Schule, in die Lehre, zur Arbeit.

INTERNAT, PARTYS, ALKOHOLISMUS

Bucher ist auch so einer. Ein junger Wilder, der mehr will, als ihm das bürgerliche Leben in der Provinz zu bieten hat. Sein Vater ist Dorfschullehrer, die Mutter Hausfrau. Noch bevor Bucher im Jahr 1964 zur Welt kommt, stirbt sein Bruder mit fünf Jahren an einem Herzfehler. So wächst das Nesthäkchen mit drei Schwestern auf. Musik interessiert ihn, laute Musik. Selber spielt er Klarinette, auch der Vater und die Schwestern sind musikalisch. Er hat das Zeug zu einem guten Schüler, doch er vermasselt die Sek-Prüfung. Sein Vater steckt ihn gegen seinen Willen ins Internat. «Wir sind oft aneinandergeraten, mein Vater und ich. Die Mutter versuchte dann zu vermitteln. Mit ihr konnte ich es immer gut.» Aus Wut über den Vater hört er im Internat auf, Musik zu machen. Nach der obligatorischen Schulzeit beginnt er eine Lehre als Offsetdrucker. Er hat es gut mit dem Lehrmeister. Aber vom Chef der Druckerei fühlt er sich ungerecht behandelt. Bucher bricht die Lehre ab.

Auf den Tod der Mutter folgt ein noch grösserer Absturz.
«Sackweise trug ich die Halbliterdosen nach Hause.
Für die Entsorgung reichte die Kraft dann nicht mehr.» 

Mit wechselnden Jobs verdient er sein Geld. Zuhause wohnt er günstig. So hat er genug Geld zum Festen. Das Saufen am Wochenende wird zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Im Ausgang mit der Clique, am Open-Air oder bei den Partys der Achtziger-Jugend wird Bucher allmählich zum Komatrinker. Durch die Vermittlung seines Schwagers bekommt er eine feste Anstellung als «Mädchen für alles» bei der Ausgleichskasse in Luzern. Er ist Mitte zwanzig, als ein guter Freund von ihm stirbt. Das beelendet ihn so, dass er anfängt, auch unter der Woche zu trinken. «Ich war nie auf der Strasse. Aber manchmal hatte ich einen solchen Rausch, dass ich mich nicht nach Hause getraute. Dann schlief ich in der Stadt auf einer Bank und ging am Morgen direkt wieder zur Arbeit.» Aufgrund seiner Alkoholsucht erhält Bucher Ende der Neunziger eine halbe IV-Rente. Doch die Abwärtsspirale dreht weiter. Schliesslich ist er für die Ausgleichskasse nicht mehr tragbar und verliert die Stelle. Er bekommt eine ganze IV, dazu noch Geld von der Pensionskasse. «Das war ein Fehler. Jetzt hatte ich zu viel Zeit und zu viel Geld und konnte mich ständig betrinken».

 

IV, HEIM, BEISTAND

Mit 32 bezieht Bucher in Luzern seine erste eigene Wohnung. In der Stiftung Brändi macht er erste Erfahrungen mit Sozialhilfe-Institutionen. Er kann dort in der Werkstatt arbeiten. Das gibt ihm eine gewisse Tagesstruktur. Doch es gibt viele Tage, da schläft er bis zum Mittag und greift dann zum ersten Bier. Er ist viel bei den Eltern in diesen Jahren. Die Mutter macht seine Wäsche. Er geht mit dem Hund spazieren und kann an den gedeckten Tisch sitzen. Sein Vater stirbt 2003. Zwei Jahre später stirbt die Mutter qualvoll an Krebs. Wenn er an die Zeit zurückdenkt, an ihre Schmerzen, das Morphium, den Tod, dann kommen ihm immer noch die Tränen.

Auf den Tod der Mutter folgt ein noch grösserer Absturz. Zum Trinken in der Beiz kommt das Büchsli-Kaufen. «Sackweise trug ich die Halbliterdosen nach Hause. Für die Entsorgung reichte die Kraft dann nicht mehr. Ui, wie das aussah in der Wohnung! Und die offenen Rechnungen stapelten sich. Alles Geld ging ja für Alkohol drauf.» Endlich wird die Stadt aufmerksam und organisiert erste Hilfestellungen auf freiwilliger Basis. Doch die Budgetberatung hilft nur kurz. Denn mit dem traditionellen «Klausjagen» steht ein grosses Dorffest an. «Ich wollte richtig feiern und holte kurzerhand 500 Franken am Automaten. Da war das Konto halt wieder überzogen. Daraufhin bekam ich einen Beistand.»

Bucher ist 41, als er nicht mehr alleine wohnen kann und ins Männerheim zieht. Im Heim trifft er neue Kollegen; Männer in derselben Situation. Gelegentlich wird ein Mann aus dem Heim gewiesen, weil er sich nicht an die Regeln hält. Auch Bucher musste schon gehen, weil er immer wieder zu laut Musik hörte. Es ist ihm mehr als einmal passiert, dass er einen Kollegen durch einen unfreiwilligen Wegzug aus den Augen verlor. Monate oder Jahre später gab es im nächsten oder übernächsten Heim ein Wiedersehen. So nimmt er seine Existenz am Rand der Gesellschaft gelassen. Er ist froh, dass er nie obdachlos wurde. Auch Kriminalität war nie ein Thema. Wenn ihm das Geld ausgeht für Alkohol, verkauft er eine CD aus seiner Sammlung.

«Ich habe immer den Weg des geringsten Widerstandes gesucht im Leben.» Bucher findet, dass es gut gelaufen sei, immer gehe es wieder vorwärts. «Ich hatte das Glück, guten Menschen zu begegnen», erklärt er. Ganz wichtig ist ihm der gute Kontakt zu zwei seiner Schwestern. Sie besuchen ihn regelmässig oder laden ihn auswärts zum Essen ein. Seit Sommer ist Bucher nun im Bürgerheim. Es gefällt ihm gut. «Sie lassen mich leben», sagt er. Und er gebe sich Mühe, dass er nicht zu laut Musik höre. Nur das Luzernbiet fehle ihm: «Bin halt nicht mehr mobil. Zu Fuss in den Denner, Bier kaufen, das geht. Aber weiter komme ich alleine nicht.» Gerne würde Bucher wieder eigenständiger leben. Nur, eine eigene Wohnung liege wohl nicht mehr drin, aber vielleicht könnte er es mit betreutem Wohnen versuchen. «Am liebsten im Luzernischen, näher bei meinen Leuten.»

MUSIKSENDUNGEN STATT KONZERTE

Einen Entzug hat Bucher bis heute nicht gemacht. «Ich will nicht.» Er müsste einen Schalter im Kopf umstellen, müsste aufhören wollen. Bucher glaubt, dass es zu spät ist. Sein Körper sei kaputt vom vielen Trinken. Der Alkohol helfe ihm zu vergessen. «Wenn ich trinke, bin ich in guter Stimmung. Ich trinke meistens in meinem Zimmer. Schaue dazu Eishockey oder Fussball. Ich bin ein grosser Fan. Das absolute Highlight war im Jahr 1989, als Luzern Schweizermeister wurde», erzählt er. Musik ist seine zweite grosse Leidenschaft. «Ich höre dasselbe wie in jungen Jahren: Blues, Rock, Heavy Metal, Punk, gerne auch mal Jazz.» Früher ging er an Konzerte und hörte die Bands live, heute schaue er sich Musiksendungen im Fernsehen an. Kost und Logis im Bürgerheim werden direkt von der IV bezahlt. Dazu bekommt Bucher zehn Franken Sackgeld am Tag. «Das reicht grad für Bier und Zigaretten.» Die günstigste Halbliter-Dose Bier kostet fünfzig Rappen, ein Päckli Zigaretten 5.70. Er raucht ein Päckli am Tag. Für das restliche Geld kauft er sich Büchsli, welche er meist am Abend trinkt. «Wie heute, da kommt das Rock-Special auf SRF3; das ist ein fixer Termin in meiner Woche. Dafür spare ich manchmal auch ein paar Extra-Bier.» Wenn es am Morgen noch hat, trinkt er grad weiter. Oder er teilt übrige Dosen und Zigaretten mit jemandem im Haus. «Sie teilen ja auch mit mir, und letzthin hat mir einer zum Ausgleich eine Musik-CD gegeben», freut er sich.

Ja, Bucher ist alkoholsüchtig und er hat einen Beistand und lebt von Sozialleistungen. Aber im Herzen ist er ein Autonomer geblieben. Er ist seinen Weg bemerkenswert geradlinig gegangen. Ein Weg, der ihn in grosse Abhängigkeiten führte, aber auch in eine eigentümliche Freiheit. Es scheint, er habe seinen Platz im Leben gefunden. Jedenfalls ist er nicht bitter und böse geworden. Und das ist doch schon viel.

 

Dieser Text ist erstmals erschienen in der Männerzeitung 4/2015. 

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