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Ich bin... ein Narzisst

Zwischen Grössenfantasien und der Angst vor der eigenen Mickrigkeit: Die Psychologin Barbara Heiniger Haldimann erklärt, wie sie bei der Behandlung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vorgeht. 

Markus Theunert 24.06.2016

Ich komme mit dem Verdacht, narzisstisch zu sein, zu Ihnen. Was habe ich beim Besuch in der Beratungsstelle zu erwarten?

In einer Abklärungsphase, die in der Regel aus ein bis zwei Gesprächen besteht, wird besprochen, wie jemand dazu kommt, diesen Verdacht zu haben: An welchen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen macht er oder sie die Vermutung konkret fest? Kommt sie von ihm oder ihr selber oder von Bezugspersonen? Sieht er oder sie als Problem? Möchte sie selber etwas verändern? Neben Problembereichen fragen wir auch nach Stärken und Fähigkeiten, um die Probleme anzupacken.

Ein zweites Abklärungsgespräch wird – natürlich nur mit Einverständnis und unter Beisein des Patienten – zusammen mit einer nahen Bezugsperson durchgeführt. Gerade im Zusammenhang mit einer möglichen Persönlichkeitsstörung, die sich v.a. in einer Störung in Interaktionen und sozialen Kontakten zeigt, macht der Einbezug einer Bezugsperson viel Sinn, weil sie aus einer anderen Perspektive das Verhalten des Patienten beschreiben kann.

Falls der Patient nach einer ersten Sitzung entscheidet, weiter zu gehen,  werden ihm klinische Fragebogen zum Ausfüllen mitgegeben. Diese stellen Fragen über psychopathologische Symptome, Beziehungsverhalten, Ressourcen und mögliche Therapieziele. Darunter sind auch Fragebogen, die einer nahen Bezugsperson abgegeben werden können. Die Auswertung wird mit dem Patienten besprochen. Ebenso wird eine mögliche Diagnose und mögliche Therapieziele offen und transparent diskutiert, um sicher zu stellen, dass Therapeut und Patient vom gleichen Problemverständnis und den gleichen Zielen ausgehen.

Nach einer Abklärung kann aber durchaus auch klar werden, dass sich der Verdacht, narzisstisch zu sein, nicht erhärtet. Möglich ist dann, dass der Betreffende fröhlich von dannen schreitet und sich freut, dass er vielleicht manchmal etwas von sich eingenommen oder manchmal etwas schnell gekränkt ist, aber mit ihm im Grossen und Ganzen alles ok ist. Möglich ist auch, dass sich jemand trotzdem mit einzelnen Aspekten seiner Persönlichkeit, die zu diesem Verdacht geführt haben, in einigen Therapie-/Beratungssitzungen auseinandersetzen möchte.

Trifft die Selbsteinschätzung in der Regel zu? Was ist das häufigste Muster, mit dem Sie konfrontiert sind?

Diese Frage ist äussert schwierig zu beantworten, da das Charakteristische bei Persönlichkeitsstörungen – gerade auch der narzisstischen Ausprägung – ist, dass kaum jemand in die Therapie kommt, weil er sich selber als narzisstisch einschätzt und Gewissheit über diese Einschätzung haben möchte. Patienten, bei denen der Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung besteht, kommen in der Regel wegen «Folgeproblemen» ihrer Störung, z.B. Burnout-Symptome, Suchtprobleme, Partnerschaftskonflikte oder allgemein unbefriedigende oder kaum vorhandene soziale Kontakte. Folgeprobleme können aber auch suizidale Krisen und starkes Sinnlosigkeitserleben sein (z.B. Jobverlust, Trennungen) sein.

In all diesen Fällen ist eine narzisstische Störung nicht das vordergründige Anliegen des Patienten. Es ist dann die Aufgabe des Therapeuten, mit dem Patienten ein gemeinsames Verständnis des für narzisstische Störungen typischen Musters – etwas plakativ ausgedrückt: riesiger Wunsch nach Bewunderung bei ebenso riesiger Angst vor Versagen und Abwertung – zu erarbeiten, um daraus abzuleiten, wo denn die Ansatzpunkte der Veränderung sein können. Die Schwierigkeit zeigt sich oft darin, dass zum «narzisstischen Muster» meist eine Strategie des «Externalisierens» gehört: Die Anderen sind «schuld», «blöd», «gemein», jedenfalls verantwortlich für ihre Probleme und Schwierigkeiten. Aus Sicht des Patienten sollten sich dann die Anderen verändern, nicht er. Wenn er sich darauf einlässt, selber etwas zu verändern, stärkt das das Gefühl von Kontrolle und verbessert in der Regel seine Beziehungen.

Wie gut sind meine Chancen? Und tut die Behandlung weh?

Wenn die Bereitschaft vorhanden ist, sich mit bisherigen Überzeugungen und den «Folgeproblemen» auseinanderzusetzen, sind die Chancen gut, sich zu verändern. In diesem Sinn tut eine Behandlung sicherlich zunächst auch «weh», wird aber mit dem Ziel verbunden, langfristig bessere Strategien der Bedürfnisbefriedigung und zur Gestaltung von Beziehungen zu finden.

Lic. Phil. Barbara Heiniger Haldimann ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin / Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Ausbilderin und Supervisorin SGVT sowie Dozentin in Psychotherapieweiterbildungen in der Schweiz und in Deutschland. Sie ist Gründerin des Klaus-Grawe-Instituts und Stiftungsratsmitglied der Klaus-Grawe-Stiftung.

Das Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie bietet wissenschaftlich fundierte Psychotherapie und Präventionstrainings an, bildet Psychologen/innen zu Psychotherapeuten/innen aus und beteiligt sich an Forschung zur Verbesserung Psychologischer Therapie.

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