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Interview

Mehr Männer in Kitas?!

In Zürich soll eine «Männerquote» gewährleisten, dass ein Drittel der Kita-Mitarbeitenden Fachmänner sind. Die Realität sieht anders aus: Schweizweit beträgt der Männeranteil nur gerade 5%. Lu Decurtins ist Leiter eines Projekts, das Gegensteuer geben will, u.a. mit einer ersten grossen Fachtagung zum Thema am 30. November 2016. Er erklärt, warum es denn überhaupt mehr Männer braucht – und wo die Hürden liegen. 

Markus Theunert 24.06.2016

Überall hört man: Es braucht mehr Männer in Frauenberufen. Warum eigentlich? Warum braucht es mehr Männer in der professionellen Kinderbetreuung?

Für Kinder ist es wichtig, Kontakt zu beiden Geschlechtern zu haben. Speziell in den ersten Lebensjahren werden Kinder praktisch ausschliesslich von Frauen betreut. Direkte, spürbare Rollenvorbilder fehlen. Dem Jungen bleibt nichts anderes übrig als entfernte, plakative Rollenvorbilder zu nutzen (Cowboys, Ritter, Gamefiguren, Wrestler oder andere Helden) – oder sich «Männlichkeit» einfach als Gegenteil von «Weiblichkeit» zu denken. Beide Varianten führen weit weg von einer realistischen, lebenstauglichen männlichen Geschlechtsidentität.

Machen denn Männer als Kinderbetreuer etwas anders als Frauen?

Selbstverständlich sollen Männer im Kita-Alltag genau dasselbe leisten wie Frauen. Durch ihre männliche Sozialisation haben sie jedoch oft eine andere Sicht- bzw. Herangehensweise. Das soll Platz haben und ist, wenn es akzeptiert wird, bereichernd für den Kita-Alltag. Zudem werden Männer anders wahrgenommen in ihren Tätigkeiten. Ein abwaschender Mann kann einem verunsicherten Jungen bestätigen. «Hey, auch das gehört zum Mann-Sein!» Gemischte Teams erweitern den Horizont und eröffnen neue Möglichkeiten für geschlechtergerechte Pädagogik.

Das ist ja auch das Thema einer Fachtagung im November. Müssen die Fachleute und Institutionen denn erst noch davon überzeugt werden, dass es mehr Männer in Kitas braucht?

Veränderung ist immer ein Prozess, der seine Zeit braucht. Durch den Einbezug von Männern entstehen neue Herausforderungen. Die Präsenz von Männern im Team kann zu Auseinandersetzungen führen oder auch Befürchtungen auslösen. Wenn diese nicht ernst genommen und bearbeitet werden, entsteht Widerstand.

Wir erleben jedoch meist Fachpersonen, die einer Geschlechterbalance positiv gegenüberstehen. Die Tagung soll diese Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen vernetzen, um Strategien zu diskutieren, wie die Entwicklung in Richtung Geschlechterbalance besser und schneller gelingt.

Immer wieder ein Thema ist dabei der so genannte «Generalverdacht»: Die Angst, dass Männer in diesem Beruf potenzielle Täter seien. Was sagen Sie dazu?

Ja, diese Befürchtung wird immer wieder geäussert. Man darf sie nicht einfach als Vorurteil vom Tisch wischen, auch wenn es natürlich Vorurteil ist, das sich zum Glück nur in den allerseltensten Fällen bestätigen. Auch hier ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung zentral. Die Diskussion über das Spannungsfeld von Nähe und Distanz in der professionellen Kinderbetreuung kann ein Gewinn für die ganze Institution sein. Die Auseinandersetzung und Enttabuisierung des Themas ist bereits ein Schutzfaktor, weil sie zu mehr Achtsamkeit führt.

Lu Decurtins leitet das MenCare-Projekt Mehr Männer in die Kinderbetreuung (MAKI). Er ist freischaffender Supervisor und Erwachsenenbildner, Co-Präsident JUMPPS Jungen- und Mädchenpädagogik und Projekte an Schulen (ehemals Netzwerk Schulische Bubenarbeit) und Buchautor/Herausgeber, u.a. Zwischen Teddybär und Supermann – Was Eltern über Jungen wissen müssen.

 

 

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