Sie sind hier

Fachtagung

Mindestens 1/3 Männer in Kitas gefordert

Am 30. November 2016 haben sich 120 Fachleute mit der Frage auseinander gesetzt, wie mehr Vielfalt und eine bessere Geschlechterbalance in der professionellen Kinderbetreuung erreicht werden kann und welche Massnahmen am besten wirken.

Markus Theunert 01.12.2016

Von den 34'000 in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung tätigen Personen in der Schweiz sind lediglich 8% Männer. Vor dem Hintergrund der angespannten Fachkräfte­situation in der Kinderbetreuung und im Dienst einer verbesserten Geschlechterbalance haben drei Dach- und Fachorganisationen eine gemeinsame Fach- und Impulstagung organisiert, welche am 30. November 2016 im ausverkauften Zentrum Liebfrauen in Zürich stattgefunden hat. Das erklärte Ziel der Trägerschaft ist, dass langfristig in der professio­nellen Kinderbetreuung mindestens ein Drittel Männer arbeiten.

Die Trägerschaft wird gebildet durch kibesuisse, Verband Kinderbetreuung Schweiz, SAVOIRSOCIAL, der Schweizerischen Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales, sowie männer.ch, Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Die Initiative ist Teil des Projekts MaKi (Mehr Männer in die Kinderbetreuung), welches vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann ermöglicht wird und Teil des nationalen Programms MenCare Schweiz ist.

 

Kinderbetreuer – ein Beruf mit Zukunft

MaKi-Projektleiter Lu Decurtins betonte in seiner Einleitung die Wichtigkeit der Zusammen­arbeit und des langen Atems für das Anliegen. Nebst Hartnäckigkeit im Kleinen und Alltäglichen brauche es auch bewusste Kommunikation und eine klare Botschaft von in der Betreuung tätigen Männern (und Frauen) nach Aussen, um Veränderung zu generieren.

Kibesuisse-Geschäftsleiterin Nadine Hoch räumte mit weit verbreiteten, fachlich aber nicht wirklich haltbaren Vorstellungen auf, die rund ums Thema Männer in Kitas kreisen: «Es gilt wegzukommen vom Denken, dass Frauen oder Männer von Natur aus bestimmte Dinge besonders gut können. Das Wohl der Kinder steht an oberster Stelle: Wir möchten ihnen auf den Weg geben, dass ihnen unabhängig des Geschlechts alle Türen offen stehen. Dafür brauchen sie vielfältige Rollenvorbilder. Es geht also nicht darum, dass Buben mehr Männer brauchen. Für die Mädchen sind sie genauso wichtig – aber eben auch für die Professio­nalisierung und Entwicklung des Berufsfelds und die Steigerung von gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung.»

Jährlich werden im Feld der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung 5% mehr Stellen geschaffen, während der Arbeitsmarkt insgesamt «nur» um jährlich 1.1% Stellen wächst, führte Fränzi Zimmerli von SAVOIRSOCIAL in ihrem Beitrag aus. Dabei weise der Trend in eine wünschbare Richtung: Während heute etwa 8% der Fachleute in Kitas & Co. Männer seien, habe sich ihr Anteil in der beruflichen Grundbildung Fachmann Betreuung EFZ in der Deutschschweiz bereits auf 14% erhöht. Aber: Die Aussteigerquote in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung sei hoch – und besonders Männer sind gefährdet, weil es für viele schwierig ist, mit dem noch immer «exotischen Status» von Männern in der Kinderbetreuung umzugehen.

 

Gleiche Funktion – gleiche Aufgaben

Diese «Exoten-Rolle» entstehe auch deshalb, weil die Arbeit im Frühbereich historisch eng mit Mütterlichkeitskonzepten verbunden sei, wie Prof. Julia Nentwich ausführte, die sich an der Universität St. Gallen wissenschaftlich mit dem Thema «Gender-Balance» in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung auseinander gesetzt hat. Männliche Kinderbetreuer finden sich dann schnell in der Rolle des «typischen Mannes» wider, der mit den Kindern Fussball spielt und die Werkbank in Schuss hält. Das sei aber weder für die Institution noch für die betroffenen Männer hilfreich. «Die Männer wollen ja nicht Kinder­betreuer werden, weil sie Männer sind, sondern weil sie mit Kindern arbeiten wollen». Nentwich sieht Geschlechterbalance denn auch primär als «Chance für die Kitas, Pro­fessionalisierung und Qualitätssicherung generell voranzutreiben», weil sie ihre Konzepte kritisch hinterfragen und die pädagogische Professionalität stärken müssten, wenn der Einbezug von männlichen Fachpersonen gelingen soll. Dabei gelte ein klarer Grund­satz: «Gleiche Funktion, gleiche Aufgaben: Spezialregelungen für männliche Kinder­betreuer stärken nur ihre Exoten-Rolle».

Diese Aussage stützte auch Sozialwissenschafter Michael Cremers, der sich in seinem Referat dem sensiblen Thema «Generalverdacht» annäherte. Dieser Begriff bezeichnet den Automatismus, wonach Männern in der Kinderbetreuung schnell unlautere Motive unterstellt werden, während Frauen in der Kinderbetreuung von einer Art «pauschalen Unschuldsvermutung» profitierten. Beides sei gefährlich, weil solche Pauschalisierungen den realen Risiken nicht gerecht würden. Er plädiert deshalb für Professionalität und Offenheit auf allen Seiten, um Kindern den bestmöglichen Schutz vor Grenzüberschreitungen zu geben. «Wir müssen nicht fragen, wie Kinder vor Übergriffen durch Männer geschützt werden können, sondern wie Kinder überhaupt vor Übergriffen geschützt werden können». Dafür brauche es klare Konzepte und Haltungen der Institutionen statt Spezialregelungen für Männer.

Regula Keller, die Leiterin des Geschäftsbereichs Kinderbetreuung Stadt Zürich, teilt auf­grund der Erfahrungen in den städtischen Kitas diese Aussage: «Vielfältiges Personal ist einfach die Vorgabe. Wir fragen Eltern nicht, ob sie es ok finden, dass es auch männliche Mitarbeiter gibt. Wir informieren sie, dass es Männer gibt und sie die gleichen Aufgaben haben wir ihre Kolleginnen. Eine solche Strategie gibt Klarheit und stärkt Leitung und Team.»

Tim Rohrmann, Professor für Bildung und Entwicklung im Kindesalter, zeigte anhand zahlreicher internationaler Beispiele die Wirkung von Projekten und Programmen auf. Der Männeranteil in Kitas in Deutschland hat sich im letzten Jahrzehnt fast verdreifacht – nicht zuletzt aufgrund einer bundesweiten Koordination und zahlreichen regionalen Projekten für «Mehr Männer in Kitas». Deutlich wird an diesen und anderen Beispielen, dass Aktivitäten zur Erhöhung des Männeranteils gesellschaftliche und politische Unterstützung benötigen und in den Kontext der Qualitätsentwicklung und Professionalisierung von Kindertages­einrichtungen eingebunden werden müssen.

8 Workshops und Interviews mit männlichen Kinderbetreuern und Kita-Leitern rundeten die Tagung ab. «Ich persönlich bin überrascht und erfreut, dass sich kaum mehr die Frage stellt, warum es mehr Männer braucht – sondern nur noch, wie das gelingt», zog Markus Theunert, Leiter des nationalen Programms MenCare Schweiz, eine erste Bilanz.

 

Share counted buttons